WESER KURIER vom 13. Oktober 2001
Auf einem Bein durch Berlin
Von Rainer Kabbert (Bremen)
Einmal von Marathon nach Athen. Wenn auch nur in Berlin. 42,195 Kilometer am Stück rennen, bis die Puste ausgeht und die Beine sich in immobile Zement-Quader verwandeln.
Zurück auf dem Woltmershauser Deich. Nach dem Marathon-Ausflug an die Berliner Spree wieder lockeres Training entlang der Weser abspulen. Die Wunden sind verheilt, die Euphorie ist im Alltag auf Normalmaß verwässert. Seltsam, wie sich Ideen in konkrete Projekte verwandeln: Weihnachten 2000 vor die Wahl gestellt, ein KulturWochenende in der Haupt- stadt zu genießen oder sich joggend durch das Brandenburger Tor zu drängeln, fiel die Entscheidung für das größte euro- päische Marathon-Fest.
Neun Monate später auf der Straße des 17. Juni wie ein nervöses Rennpferd auf der Stelle tänzeln. Der Startschuss ist längst gefallen, ganz vorne werden sich Tegla Loroupe und Olympiasiegerin Naoke Takahashi bereits ein spannendes Rennen liefern. Anfänger mit weißer Nummer müssen noch warten. Kribbelnde Minuten. Genug trainiert? Richtig ernährt? Mental gestärkt? Unmerklicher Nieselregen legt sich als feiner Film auf die Haut. Nicht kalt, nicht warm, einfach angenehm.
Was passiert, wenn über 30 000 Menschen plötzlich loslaufen? Purzeln sie übereinander, treten sich in die Hacken, rempeln sich an? Keine Veranstaltung für Menschen nit Klaustrophobie. Vielleicht kreisen deshalb die sieben Hubschrauber über dem Feld, unruhig wie Hirtenhunde, die eine Riesenherde von Schafen unter Kontrolle halten. Schafe? Stopp! Hier zählt freier Wille und individuelle Leistung. Mitten in anonymer Masse, die das unsichtbare Band der Rennleidenschaft verbindet. Oder doch nicht?
Endlich laufen. Dicke und Dünne, Lange und Kurze, Alte und Junge rennen los, suchen ihren Rhythmus. Ein wahrer Volks- lauf. Nur nicht zu schnell starten! Sich nicht von anderen die Geschwindigkeit diktieren lassen. Ohne Neid sich überholen lassen. Es ist ja eher unwahrscheinlich, selbst um die Preisgeld-Ränge zu kämpfen. Ankommen zählt. Rennen ohne Wettbe- werb - ein gutes Gefühl, nicht besser, stärker, schöner als andere sein zu müssen. Die Siegessäule schleicht vorbei, in der Ferne kommt das Brandenburger Tor langsam näher.
Kilometer 3
Woran denken, wenn man stundenlang unterwegs ist? Sich die besten Witze erzählen, die noch in Erinnerung sind? Oder besser in der Biographie kramen? Die Fahrt zum Brandenburger Tor war obligatorisch, wenn Besuch aus Westdeutschland kam. Von einem Holzpodest aus konnte der Riss durch Berlin präsentiert werden, wie eine Kuriosität. Ein Panda-Bär mit zwei Köpfen vielleicht. In jungen Jahren kam es kaum in den Sinn, nicht Zuschauer, sondem selbst eingesperrter Zoo- Bewohner zu sein. Jahrzehnte später durch das mit Planen verhüllte Sandstein-Tor von Carl Gotthard Langhans rennen, dort, wo vor rund 200 Jahren Napoleons Truppen den Sieg über Preußen feierten, und vor etwa 70 Jahren SA-Horden mit einem Fackelzug eine neue, schreckliche Zeit ankündigten.
(Persönliche) Geschichte ohne Emotionen Revue passieren lassen, doch dann kräuseln sich doch ein paar Gehimzellen. Die Läufer klatschen, es hallt in den Durchgängen wie in einem kleinen Tunnel. Symbol der Freiheit? Eine MobilfunkFirma hat das Wahrzeichen der Stadt gemietet, verkündet auf riesigem Transparent "grenzenlose Freiheit" - der Handy-Kommunika- tion?
Unter den Linden dominiert noch die Leichtigkeit des Laufens. Elastisch rollen die Füße ab, dynamisch und rund das Zusammenspiel von Armen und Beinen, der Atem geht ruhig wie in einer Zen-Meditation. Alles ist gut. Geballte Historie, touristische Highlights gleiten entlang, die Humboldt-Universität, die Staatsoper, das Zeughaus. Das Feld dehnt sich in die Länge, reißt wie der Käse in einem Gemüseauflauf, Lücken werden immer größer.
Ein hochgewachsener Läufer schiebt einen Renn-Buggy mit zwei Kindern, auch King Kong läuft mit. Ob der Marathon- Mann die Gorilla-Maske bis ins Ziel trägt? In gelassenem Rhythmus spult einer der 600 Rollstuhlfahrer die Strecke ab, begleitet von seiner Lassie. Ein älterer Herr läuft mit dem Sternen-Banner im Arm, manche haben sich Trauerflor an die Kleidung gesteckt. "Running for peace", Gedenken an die Terroropfer in den USA als Motto des Laufs. Viel Raum bleibt nicht für Betroffenheit.
Der erste Erfrischungspunkt nach fünf Kilometern. Kühles Wasser im Schritttempo hinunterspülen, auch wenn der Durst  fern scheint. Nur nicht dehydrieren. Knirschend über weggeworfene Plastikbecher laufen.
Kilometer 8
In Friedrichshain bei Kilometer 8 zerplatzt die Läufer-Idylle. Der geschwollene rechte Außen-Meniskus, vom Orthopäden scheinbar geheilt, bringt sich quälend in Erinnerung. Beißender Schmerz, als würde eine Dornenkette das Knie umspannen. Am Meniskus soll alles scheitern? Riss der Achilles-Sehne bei Kilometer 12 oder tödlicher Infarkt in der Schloßstraße, das wären zünftige Marathon-Schicksale. Und man käme sogar in die Zeitung, wie die beiden Läufer aus Dänemark und Panama im letzten Jahr. Aber ein geschwollener Meniskus, ein Stück Knorpel, das beim Eisbein-Essen aus
gespuckt würde? Eine Spur zu banal. Den Meniskus zum Feind Nummer eins erklären und den Laufstil ändern. Links ist Trumpf und rechts nicht beachten. Das störende Knie nur noch wenig anwinkeln und zu exterritorialem Gebiet erklären. Einfach nur noch auf einem Bein durch Berlin laufen. Die restlichen 34 Kilometer.
Und da sind ja auch noch die Zuschauer, mit oder ohne phantasievollen Kostümen, mit oder ohne Rasseln, Tröten, Triller- pfeifen, Trommeln aus Kochtöpfen. Sie feuern an, als käme man während der Olympiade für die vorderen Plätze in Frage. Freundliche Gesichter in enthusiastischem Spalier, die mit den Läufern eine wertvolle Symbiose eingehen. Ein mentaler Energiespeicher jubelt da am Straßenrand, aus dem sich die Läufer ausgiebig bedienen. Kinder strecken ihre Hände aus und laden ein zum Abklatschen, ein mongoloider junger Mann stellt sich in die Mitte der Fahrbahn, bietet beide Hände dar, wünscht alles Gute. Miteinander, füreinander. Der Mega-Stress für Körper und Seele, abgefedert von Wogen solidarischer Begeisterung.
Kilometer 15
Der Meniskus gibt keine Ruhe. Nein, jetzt nicht aufgeben. Erst recht nicht hier, am Kreuzberger Waterloo-Ufer.
Im Lazarett-Zelt nach Kühlelementen fragen. Im dämmrigen Licht ermattete Gestalten auf Liegen erkennen, andere sitzen in sich versunken auf Stühlen, eingehüllt in Folien, als hätten sie Schüttelfrost. Süßlicher Geruch von Schweiß und Vergeblich- keit hängt in der Luft. Ein Beutel mit Eisstücken gegen das Knie drücken. Der Effekt ist marginal und es fällt schwer, auf der Straße wieder auf Touren zu kommen. Was bringt Menschen dazu, sich gegen alle Vernunft zu malträtieren? Übersteigerter Ehrgeiz? Lust am Schmerz? Angst vor dem Scheitern? Suche nach Grenzen?
490 vor Christi war Diomedon in voller Rüstung 42,195 Kilometer von der Ebene Marathons nach Athen gelaufen, den  Sieg über die Perser zu verkünden. Es waren seine letzten Worte. Kein Vorbild, das Kräfte freisetzen könnte. Aber die türkische Band am Kottbusser Tor schafft neue Energien. Orientalische Klänge in rockiger Melodie ziehen wie frischer  Wind durchs Gehirn. Mittänzeln, den Musikern zuwinken und die 21 als Ziel anpeilen. Wäre immerhin die Hälfte.
Kilometer 21
Marathon schärft das Körperbewusstsein. Die Koordination von Armen, Beinen und Füßen wird zum Mikado-Spiel.  Einmal nicht aufgepasst, und schon bricht alles zusammen. Der Meniskus schickt Schockwellen durch den Leib. Unerbittlich. Doch keine 200 Meter entfernt lockt die Marke 21. Die gelbbraunen Matten der Zeiterfassung überqueren, der Sende-Chip hängt noch sicher am Turnschuh, zumindest der Halbmarathon ist dokumentiert. Aber das Ganze noch einmal? Unvorstellbar. Ein paar Kilometer vielleicht noch, so weit die Füße tragen, und sich schließlich vom "Besenwagen" der Bundeswehr einsammeln lassen. Asyl für alle, die am Ende sind.
Vorbei am Kleistpark, hier residierte einst die Alliierte Kommandatur. Die Weltmächte loteten Möglichkeiten friedlicher Koexistenz aus. Mit dem Knorpel im rechten Knie in Verhandlungen eintreten. Die Geschwindigkeit reduzieren, und er hält still bis Kilometer 42. Ein fairer Deal.
Das Rathaus Schöneberg schwankt vorbei. John F. Kennedys Bekenntnis zu den Berlinern hören, dort oben, auf dem blumengeschmückten Balkon. Aber auch die Hetzworte des Bürgermeisters Klaus Schütz, "seht euch diese Typen an", gemünzt auf alle, die sich nicht fügen wollten in die politische Logik der 60er Jahre. Bob Dylan im Kopf anknipsen, die Gespensterder Vergangenheit vertreiben: How many roads must a man walk down. Lächeln.
Kilometer 28
Die Kraft schwindet. Es sich nicht mehr leisten können, die Bands tänzelnd im Takt ihrer Musik zu passieren. Das dritte Päckchen Power Gel mit Elektrolythen auslutschen, Geschmacksrichtung Tropical Fruit. Davon träumen, jetzt durch die Nationalgalerie zu schlendern und Caspar David Friedrich über die Schulter zu schauen. Oder im Cafe Kranzler korpulenten Damen zusehen, wie sie Schwarzwälder Kirschtorte mit Sahne verspeisen. Doch am Straßenrand grinsen nur Politiker von Pappwänden. Hämisch? Selbstgefällig? Wie gut, sie als Auswärtiger nicht wählen zu können.
Es geht aufwärts. In Zehlendorf ist bald der höchste Punkt mit 54,3 Metern erreicht. Weiter, nur nicht stehen bleiben. Das wäre, als würde man sich nachts erschöpft in den Schnee setzen. Das sichere Ende. Das Knie nicht mehr spüren. Endorphine, jene wunderbaren körpereigenen Eiweißstoffe mit morphinähnlicher Wirkung, haben längst das Gehirn erobert. Unter Palmen das Rauschen der Karibik hören. Immer nur lächeln und immer vergnügt.
Am Wilden Eber laufen die Zuschauer noch einmal zur Höchstform auf, klatschen im Takt, feuern besonders ihre Freunde an: “Go, Wiwi, go!" Die Rhythmen einer Samba-Combo stampfen ins Trommelfell. Lauter, noch lauter. Die Menschen begeistert, als wären hier nicht schon vor Stunden die ersten Läufer vorbeigerannt.
Kilometer 38
Genug ist genug. Die Beine waten durch tiefen, klebrigen Morast, die Arme kämpfen gegen herunterhängende Lianen, die sich unbarmherzig um die Knochen schlingen. Zeit zum Aussteigen. Am Straßenrand packen Musiker ihre Instrumente ein. Vor Ende der Zeiterfassung ankommen wollen, aber wie? Ein Mann mit Elvis-Tolle greift nach den Schultern, läuft ein Stück mit: "Du schaffst es, jetzt geht es nur noch bergab".
Weiter. Tatsächlich den Kudamm erreichen und nur noch kichern. Wie ein Teeny, der nach ein paar Schnäpsen Jerry- Lewis-Filme ansieht. Geschafft. Selbst wenn die Beine kollabieren sollten, bliebe noch genug Zeit, sich vorbei an der Gedächtniskirche ins Ziel zu robben. Maggie Mae trällert aus einem Lautsprecher von ihrem My Boy Lollipop, ein alter  Herr aus der Zille-Zeit dreht aus dem Leierkasten Lieder von Bolle. Ein vibrierendes Gefühl pulsiert durch den Körper, wie beim ersten Kuss, dem Anblick eines Kolibris, der Geburt der Tochter. Kichern, lachen, Nummer 33595 ist angekommen. Bei sich und im Ziel. Rechtzeitig. Nie mehr Marathon? Na, vielleicht noch einmal über die Brooklyn-Bridge.

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Mein erster Marathon
Der Verrückte ;-))
Björn Umland, 29 Jahre, BGS-Beamter, ist Abteilungsleiter, Volkslauforganisator und Nachwuchstrainer der Leichtathle- ten im MTV Rottorf (Stammverein der LG Nordheide). Hervorgegangen ist er aus der TSG Nordholz, einem kleinen Ver- ein aus der Nähe von Cuxhaven. Er selbst beschäftigt sich am liebsten mit dem Hochsprung, hat aber auch fast alle anderen leichtathletischen Disziplinen schon einmal angetestet. So absolvierte er während eines beruflichen Aufenthalts in Washington zwei Zehnkämpfe, versuchte sich im Dreisprung und Hammerwurf. Bis Mitte Oktober weilte Björn Umland für elf Monate am deutschen Konsulat in Moskau. Vermutlich in einer spontanen Wodkalaune ließ er sich zur Teilnahme an einem Marathon überreden. Und das, obwohl bis dato doch bereits Zehn-Kilometer-Läufe einen Marathon für ihn dar- stellten. Lest im Anschluss den Erlebnisbericht des “verrückten Läufers”, und merkt, wie Eure Beine dabei schwerer und schwerer werden. ( Markus Steinbrück)
Erlebnisbericht vom Marathon in Moskau am 9. September 2001 (Von Björn Umland)
Moskau, 09.09.2001 / 07:00 Uhr:
Mein Wecker klingelt! Heute ist der Start des 21. Moskau International Peace Marathon. Schon vor Wochen habe ich  mich angemeldet und mit einer eher spärlichen Vorbereitung begonnen. Die letzten zwei oder drei Wochen habe ich über- haupt nicht trainiert. Nun ist es aber trotzdem soweit. Ich zwänge mir schon zum Frühstück zwei ordentliche Teller Nudeln rein. Danach gibt es noch irgendeinen Energiedrink. Der Hersteller verspricht wahre Wunder. Ich befestige zum ersten Mal in meinem Leben einen Chip für die elektronische Zeitmessung an meinem Schuh. Um 09:30 Uhr bin ich bereit für die Abfahrt.
10:00 Uhr:
Mein Trainingspartner und ich machen uns auf den Weg Richtung Kreml.
11:00 Uhr:
Am Start-/Zielbereich ist ein heilloses Durcheinander. Wir fragen uns durch, um einen Weg zu den Umkleiden zu finden. Wir landen im Kino des Rassia Hotels. Der Saal ist bis zum Platzen mit Läufern gefüllt. Wir finden eine kleine Ecke vor dem Notausgang. Direkt neben uns bereiten sich einige Läuferinnen der russischen Nationalmannschaft auf ihr Rennen vor. Wir können uns nicht entscheiden was wohl die beste Laufkleidung ist. Den ganzen Vormittag hatte es geregnet. Der Wetterbe- richt aus dem Internet versprach für den Nachmittag kaum Niederschlag und teilweise Sonnenschein. Ich entschied mich für eine lange Trainingshose und ein langärmeliges T-Shirt. Schließlich werde ich für Stunden unterwegs sein. Wir geben unsere Taschen bei der Gepäckaufbewahrung ab. Um 11:30 Uhr stehen wir mit einer Banane in der Hand wieder auf der Straße. Während wir die Banane essen suchen unsere Blicke nach unseren Fans.
11:30 Uhr:
Wir stehen auf dem Roten Platz in einer Schar von Läufern. Es hatte aufgehört zu regnen. Neben uns hören wir einige Deutsche. Wir sind zu aufgeregt um sie mit einem “Hallo" zu begrüßen. Nun finden wir auch unsere Fangemeinde. Ausge- rüstet mit Foto- und Videokamera hatten sich trotz des mäßigen Wetters fünf Kollegen und Familienangehörige auf den  Weg gemacht, um uns anzufeuern. Wir sind froh jemanden zu haben, den wir kennen. Vor den Mauern des Kreml werden noch schnell einige Fotos und Aufnahmen gemacht.
11:45 Uhr:
Hinter einem kleinen Spielmannszug gehen wir zusammen mit allen anderen an den Startbereich. Die nächsten Minuten scheinen nicht zu vergehen. Die Uhr am Turm des Kreml bewegt sich scheinbar kaum. Um 11:55 Uhr werden die teil- nehmenden Rollstuhlfahrer auf den Weg geschickt. Unendliche fünf Minuten liegen noch vor uns. Immer wieder schaue ich auf die Turmuhr. Ich denke sie steht.
12:00 Uhr:
Um Punkt zwölf Uhr fällt der Startschuss. Unter riesigem Jubel machen wir uns auf den Weg. Vor uns liegen 42,195 Kilo- meter! Das Teilnehmerfeld ist nicht übermäßig groß. Nach weniger als einer Minute überqueren wir die Startlinie. Die Auf- regung legt sich schlagartig. Die Atmosphäre ist riesig. Endlich laufen!
Ca. 12:25 Uhr:
Wir kommen zum ersten Mal am Start-/Zielbereich vorbei. Vor uns liegen die Matten für die elektronische Zeitnahme. Meine Zwischenzeit für 5 km liegt um die 26 Minuten. Ich bin erschrocken weil ich viel zu schnell bin. Ich versuche “gemütlicher" zu laufen. Unsere Fans sind natürlich vor Ort und feuern uns an. Vor uns liegt eine 5-km-Schleife, bevor wir wieder den Start-/Zielbereich erreichen werden. Ich nutze jeden Erfrischungspunkt, um Wasser oder Tee zu mir zu nehmen.
Ca. 12:55 Uhr:
Ich erreiche den Start-/Zielbereich zum zweiten Mal. Die 10-km-Zwischenzeit liegt um die 56 Minuten. Ich fühle mich gut. Die Strecke führt direkt an der Mauer des Kreml entlang. Es ist ein tolles Gefühl hier zu laufen. Oft genug hatte man doch genau auf dieser Strecke schon mit dem Auto im Stau gestanden und ist kaum schneller vorangekommen als jetzt ohne  Auto. Kurze Zeit später liegt zu meiner linken die Erlöser Kathedrale. Die goldenen Kuppeln glänzen trotz des bedeckten Himmels über mir. Schon bald lasse ich beides hinter mir und sehe auf der anderen Flussseite den Gorky-Park. Kurz darauf begegnet mir mein Trainingspartner. Ein kurzes “Hi" und ein nach oben gerichteter Daumen signalisiert uns beiden: “Es geht voran". Bei Kilometer 15 erreiche ich die Wendemarke auf dieser Seite der 16-km-Schleife. Nun liegen die goldenen Kuppeln der Erlöser Kathedrale und des Kreml wieder vor mir.
Ca. 14:00 Uhr:
Nach ungefähr zwei Stunden erreiche ich die 20-km-Marke. Kurz darauf komme ich auch wieder bei unseren Fans vorbei. Während ich das Wasser und den Tee trinke nutze ich die Zeit für ein kurzes Gespräch. Mein Partner ist vor 25 Minuten bereits hier gewesen. Ich laufe weiter. Bei Kilometer 24 habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich Krämpfe bekomme. Ich mache kurz halt um meine Beine zu lockern und zu dehnen. Nach zwei weiteren Kilometern noch einmal ein kurzer Stop. Ich mache mir Gedanken, ob ich aufhören soll oder nicht. Nach 26 Kilometern bin ich erneut am Start-/Zielbereich. Für die letzten 6 km hatte ich 45 Minuten gebraucht. Jetzt musste ich entscheiden, ob ich nochmal auf die 16-km-Schleife gehe oder aussteige. Unsere Fans machen mir Mut. Ich laufe weiter! Irgendwann treffe ich meinen Partner. Auch er hatte jetzt Proble- me. Wir machen uns kurz Mut und es geht weiter.
Ca. 15:30 Uhr:
Nach 3 Stunden und 30 Minuten habe ich 30 Kilometer hinter mir. Auf den letzten Kilometern habe ich häufig mit Krämpfen
zu tun gehabt. Ich kann nur noch gehen. Jeder Versuch zu Laufen endet nach wenigen Schritten. Nach der Wendemarke sehe ich, in scheinbar unendlicher Weite, die goldenen Kuppeln des Kreml. 12 Kilometer liegen noch vor mir. Um mich herum sind viele Läufer mit ähnlichen Problemen. Ich kann sogar noch den einen oder anderen überholen. An den Erfrisch- ungspunkten wird schon seit einer Ewigkeit, anstelle von Trinkwasser, sehr chlorhaltiges Leitungswasser gereicht. Es ist egal! Hauptsache trinken! Nach weiteren kurzen Versuchen zu laufen kommt die Erkenntnis: “Es geht nicht mehr!" Ich gehe in einem zügigen Tempo weiter. Im Start-/Zielbereich habe ich 37 Kilometer hinter mir. Ich lasse mir viel Zeit um mit meinen Freunden zu sprechen und zu trinken. Mein Partner hatte kurz zuvor das Ziel erreicht. Vor mir lagen nun noch harte 5 Kilo- meter. Einige Erfrischungspunkte waren schon abgebaut, da nun scheinbar auch das schreckliche Leitungswasser ausge- gangen war.
Ca. 17:10 Uhr:
Ich habe das Ziel vor Augen. Ein kurzer Versuch, noch einmal zu joggen oder zu traben schlug fehl. Ich werde also die Ziellinie als Wanderer überqueren. Es war mir egal. Im Lautsprecher hörte ich auf russisch die Ansage: “Björn Umland aus Deutschland!" An der seitlichen Absperrung standen zahlreiche Zuschauer, die Beifall spendeten. So gerne ich auch gewollt hätte, ich konnte nicht mehr laufen! Nach ca. 5 Stunden und 15 Minuten überquere ich die Ziellinie. Es gibt Mineralwasser (ohne Chlorgeschmack) und Gebäck. Außerdem bekomme ich eine Medaille und eine Teilnahmeurkunde in russischer Sprache. Nur noch meine Sachen holen und dann zum Auto.
Ca. 20:30 Uhr:
Wir sind frisch geduscht und haben gegessen. Nun sitzen wir zusammen und trinken ein leckeres Bier. So oft hatten wir  doch in den letzten Wochen auf ein leckeres Bier verzichten müssen. Es hat trotzdem noch hervorragend geschmeckt. Ich schwöre mir, dass ein Marathon reicht. Man soll aber ja bekanntlich niemals “Nie" sagen!
Alle genauen Zeiten und weitere Informationen sind im Internet unter www.marafon.msk.ru zu finden.

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